Zahl der Corona-Infektionen überschreitet Marke von vier Millionen

Spahn verteidigt baldigen Start von Booster-Impfungen

Die Zahl der nachgewiesenen Corona-Infektionen seit Beginn der Pandemie in Deutschland hat die Marke von vier Millionen Menschen überschritten.

Berlin - Wie das Robert Koch-Institut (RKI) am Sonntagmorgen zudem mitteilte, stieg die bundesweite Sieben-Tage-Inzidenz erneut an und lag bei 83,1. Gesundheitsminister Jens Spahn (CDU) verteidigte unterdessen den Start von Auffrischungsimpfungen noch vor der offiziellen Stiko-Empfehlung. SPD-Gesundheitsexperte Karl Lauterbach forderte striktere Corona-Maßnahmen ab Herbst.

Das RKI meldete unter Berufung auf Angaben der Gesundheitsämter binnen 24 Stunden 10.453 Neuinfektionen und 21 weitere Todesfälle. Damit wurden seit Pandemie-Beginn laut RKI 4.005.641 Ansteckungen nachgewiesen. Die Inzidenz steigt seit Wochen kontinuierlich an - Deutschland befindet sich nach Einschätzung des Instituts inzwischen am Beginn der vierten Corona-Welle.

Spahn verteidigte den Beginn sogenannter Booster-Impfungen für Senioren und Immungeschwächte im September, noch bevor sie die Ständige Impfkommission (Stiko) empfiehlt. "Ich will nicht warten, bis in den Pflegeheimen wieder Menschen sterben", sagte Spahn den Zeitungen des Redaktionsnetzwerks Deutschland. Der zeitnahe Beginn der Auffrischungen sei "vorausschauendes, vorsorgliches Handeln".

Es gebe bereits "viele Studien, die eindeutig belegen, dass Booster-Impfungen für Hochbetagte, Pflegebedürftige und Menschen mit bestimmten Immunerkrankungen Sinn machen". Da Deutschland genügend Corona-Impfstoff habe, müsse auch gehandelt werden, sagte Spahn.

Der Vorsitzende der Stiftung Patientenschutz, Eugen Brysch, erklärte hingegen, vorausschauendes Handeln sehe anders aus. "Es ist falsch jetzt mit den Booster-Impfungen loszulegen, ohne die Empfehlung der Stiko abzuwarten." Damit torpediere die Politik die wissenschaftliche Expertise unabhängiger Impfexpertinnen und -experten. Zunächst müsse auch bei hochbetagten und schwerkranken Menschen der Immunstatus in den Blick genommen werden.

Spahn sagte weiter, die derzeitige Impfquote sei noch zu niedrig, "um eine Überlastung des Gesundheitswesens zu verhindern". Bei Ungeimpften seien die Corona-Infektionszahlen zehn Mal höher als bei Geimpften. 90 Prozent der Covid-19-Patienten auf den Intensivstationen seien ungeimpft.

Nach Spahns Angaben haben mittlerweile 50,9 Millionen Bürgerinnen und Bürger oder 61,2 Prozent der Bevölkerung den vollen Impfschutz, 65,7 Prozent sind mindestens einmal geimpft. Jedoch seien noch "mindestens fünf Millionen Impfungen für einen sichereren Herbst und Winter" nötig.

Auch Intensivmediziner warnten vor einer schweren Corona-Welle im Herbst. "Wenn wir bis Oktober nicht die Impfquote deutlich nach oben bringen, bekommen wir im Herbst einen richtig starken Anstieg der Coronafälle auf den Intensivstationen", sagte Christian Karagiannidis, Präsident der Deutschen Gesellschaft für Internistische Intensivmedizin und Notfallmedizin, der "Augsburger Allgemeinen".

Im September sei die Lage im Griff. "Bauchschmerzen bereitet uns die Zeit ab Oktober, November ? wenn sich das Leben stark in die Innenräume verlagert und wieder die Heizungen angehen", sagte Karagiannidis. Eine zehn Prozent höhere oder niedrigere Impfquote habe enorme Auswirkungen auf die Intensivstationen.

Lauterbach forderte vor dem Hintergrund steigender Inzidenzen baldige striktere Maßnahmen. "Wenn die Zahlen weiter so steigen, müssen wir vermehrt 2G einführen - je früher, desto besser", sagte er dem Portal "Business Insider" mit Bezug auf Geimpfte oder Genesene. Nur so sei es möglich, die Infektionskurve zu senken.

"Einen weiteren Lockdown halte ich nicht für notwendig", sagte Lauterbach. "Die einzige Frage ist, wann und wo kommt 2G. Anders kriegt man die Zahlen nicht nach unten." Besonders bei Clubs, Restaurants und Kneipen müssten die Vorgaben strenger werden.

Der Lehrerverband forderte eine konsequente Einführung der 3G-Regel (geimpft, getestet, genesen) an Schulen für Lehrkräfte und Schüler. So ließe sich das Ziel eines hohen Gesundheitsschutzes im Schulbereich genauso erreichen wie mit der Impfauskunftspflicht, die einen "tiefen Eingriff in die Persönlichkeitsrechte darstelle", sagte Verbandspräsident Heinz-Peter Meidinger den Funke Zeitungen. Denn so bleibe es den Betroffenen überlassen, "ob sie einen Impf- oder Genesungsnachweis vorlegen oder eine tägliche Testung machen".

(xity, AFP)