Studie widerspricht "Spiegel"-Bericht zu Pharmatests an DDR-Bürgern

Medikamentenstudien entsprachen offenbar westlichen Standards

DDR-Bürger sind nicht massenhaft und systematisch als Testpatienten westlicher Pharmafirmen missbraucht worden.

Berlin - Zu diesem Ergebnis kommt ein am Dienstag in Berlin vorgestellter Abschlussbericht des medizinhistorischen Instituts der Berliner Charité im Auftrag der Bundesregierung. Die von dem Institutsleiter Volker Hess angeführte Wissenschaftskommission konnte weder systematische Verstöße gegen damals geltendes DDR-Recht noch gegen im Westen geltende Standards feststellen.

Damit widerspricht der Bericht unter dem Titel "Klinische Studien in der DDR im Auftrag westlicher Pharmafirmen" der Berichterstattung des Magazins "Spiegel" vom Frühjahr 2013. Darin hieß es, die DDR habe auf der Suche nach Devisen-Einnahmequellen ihre Bürger als Pharmaprobanden an den Westen "verkauft". Die Patienten seien oft nicht über die an ihnen vorgenommenen Studien aufgeklärt worden. Auch von Todesfällen war die Rede.

Als Konsequenz aus dieser Veröffentlichung hatte die Untersuchungskommission vor zweieinhalb Jahren ihre Arbeit aufgenommen - finanziert von der Bundesregierung, den Ärztekammern mehrerer Länder sowie des Bundes, dem Verband forschender Arzneimittelhersteller (VfA) und dem Bundesverband der Pharmazeutischen Industrie (BPI).

Die Kommission fand Hinweise auf 927 Prüfungen und Studien zu Medikamenten, die zwischen 1961 und 1990 in der DDR für westliche Pharmaunternehmen vorgenommen wurden. Der Großteil wurde von Unternehmen aus der Bundesrepublik in Auftrag gegeben.

Die Studie komme zu dem "Schluss, dass sich die in der DDR durchgeführten Tests weder in der Methodik noch in den Standards von denen im Westen unterschieden", sagte Anna Kaminski, Geschäftsführerin der Bundesstiftung Aufarbeitung.

"Was uns aus heutiger Sicht fragwürdig erscheint, ist nicht DDR-spezifisch", sagte Studienleiter Hesse unter Verweis auf auch im Westen erst nach und nach entwickelte ethische Standards. Ungenügend erforscht sei aber noch der damalige Umgang mit Patienteneinwilligungen. Diese seien zwar umfangreich in Akten dokumentiert, sagte Hesse. Es fehle aber an Zeitzeugen, die die festgehaltenen Aufklärungsgespräche auch belegen könnten.

Die Studie widerspricht ferner dem Eindruck, die Pharmaindustrie habe den Osten als billige Teststrecke genutzt. "Der zentrale Vorteil der DDR-Studien für Pharmahersteller ist nicht, dass die Studien etwas preiswerter sind, das ist der Zeitgewinn und die zentrale Organisation", sagte Hesse mit Blick auf die zentralistischen Strukturen in dem autoritären Staatswesen der DDR. Die Pharmahersteller hätten sich die Effizienz des Totalitarismus zunutze gemacht.

(xity, AFP)