Stigmatisierung psychisch kranker Menschen befürchtet

Ärztepräsident: Debatte nach Airbus-Absturz vorschnell

In der Diskussion um Konsequenzen aus dem Absturz der Germanwings-Maschine hat der Präsident der Bundesärztekammer, Frank Ulrich Montgomery, vor einer Ausgrenzung psychisch kranker Menschen gewarnt.

Berlin - Wenn jemand "als Jugendlicher oder als Kind in einer psychotherapeutischen oder psychiatrischen Behandlung war und das für ihn impliziert, dass er nie in seinem Leben mehr Pilot werden könnte oder einen anderen wichtigen, von ihm geliebten Beruf ergreifen könnte, dann ist das eine hochgradige Stigmatisierung", gab Montgomery im Bayerischen Rundfunk zu bedenken.

Es dürfe nicht verkannt werden, dass "die allermeisten dieser Kranken hundertprozentig geheilt werden", sagte Montgomery. "Deswegen halte ich das für eine ganz gefährliche und ganz vorschnelle und viel zu leichtfertige Diskussion, die wir da im Moment führen."

Eine Lockerung der ärztlichen Schweigepflicht lehnte der Ärztekammer-Präsident erneut ab. "Es ist gut, dass die ärztliche Schweigepflicht - eines der wichtigsten Patienten- und Menschenrechte überhaupt - hochgehalten wird, dass zum Beispiel Arbeitgeber nicht über die Krankheit ihrer Mitarbeiter informiert werden dürfen." Auch Menschen wie Piloten müssten "die Chance haben, in einem vertraulichen Patient-Arzt-Gespräch ihrem Arzt zu vertrauen und sich zu öffnen".

Nach Einschätzung Montgomerys könnte durchaus über mehr psychologische Tests im Rahmen flugmedizinischer Untersuchungen nachgedacht werden. Allerdings herrsche "eine fehlerhafte Vorstellung darüber, dass man eine drohende Selbstmordlage immer sicher erkennen könnte". Die meisten Selbstmorde geschähen "innerhalb einer Entschlussphase von einem Tag und weniger". Eine "Kurzschlussreaktion" könne man "durch keinen psychologischen Test der Welt vorhersehen". "Und deswegen gibt es immer ein ganz, ganz, ganz geringes und doch vorhandenes menschliches Restrisiko. Das kriegen Sie mit keinem Gesetz und mit keiner ärztlichen Untersuchung der Welt weg."

Am Montag war bekannt geworden, dass der Copilot der vor einer Woche in Südfrankreich abgestürzten Germanwings-Maschine vor Erwerb des Pilotenscheines wegen Suizidgefahr behandelt worden war. Schon seit Ende vergangener Woche ist zudem bekannt, dass der 27-Jährige am Tag des Unglücks krank geschrieben war. Der Copilot soll den Airbus absichtlich zum Absturz gebracht und 149 Menschen mit in den Tod gerissen haben.

(xity, AFP)