Opfer sexueller Gewalt in der Familie können oft kaum entkommen

Kommission zur Aufarbeitung sexuellen Kindesmissbrauchs stellt Studie vor

Bei sexualisierter Gewalt gegen Kinder innerhalb der Familie werden die Opfer oft massiv unter Druck gesetzt zu schweigen.

Berlin - Dieses Schweigegebot sei besonders wirkmächtig, wenn ohnehin vermittelt werde, dass alles in der Familie "unter uns" bleiben müsse, sagte die Pädagogin Sabine Andresen am Montag in Berlin. Die Vorsitzende der Unabhängigen Kommission zur Aufarbeitung sexuellen Kindesmissbrauchs stellte eine von ihr geleitete Studie zum Thema vor.

Für die Studie werteten Wissenschaftlerinnen der Universität Frankfurt am Main fünf Jahre lang 870 vertrauliche Anhörungen und schriftliche Berichte von Betroffenen, Angehörigen und Zeitzeugen aus, die sich an die Kommission gewandt hatten. Es handelte sich um Menschen, die heute zwischen 16 und 80 Jahre alt sind und aus den Nachkriegsjahrzehnten bis in die Gegenwart berichteten.

Bei fast der Hälfte von ihnen begann der Missbrauch schon vor dem sechsten Lebensjahr. Am häufigsten waren männliche Verwandte die Täter, vor allem Väter. Wenn Pflege- und Stiefväter dazugerechnet würden, machten diese drei Gruppen insgesamt fast die Hälfte der berichteten Täter aus, erklärte die Kommission. Es gab demnach aber auch Täterinnen. Die Studie ist allerdings nicht repräsentativ, weil sie Berichte von Menschen auswertete, die sich selbst und freiwillig an die Kommission gewandt hatten.

Zentrales Merkmal von Familie als Tatkontext sei die Möglichkeit, "sich nach außen abzuschotten, den Anschein von Normalität aufrechtzuerhalten und so einem betroffenen Kind alle Auswege aus der Gewalt zu versperren", erklärte die Kommission. Kinder könnten ihre Familie meist nicht einfach verlassen und blieben der Gewalt darum oft über einen langen Zeitraum ausgeliefert.

Da Bezugspersonen in Familien meist Vertrauenspersonen seien, sei die erlebte Gewalt ein Vertrauensbruch und besonders verwirrend, sagte Studienautorin Marie Demant. Sie breche "mit dem Versprechen, der eigenen Familie trauen zu können und von ihr geschützt zu werden."

Die Opfer berichteten laut Studie häufig davon, dass sie sich mit der Bitte um Hilfe an andere Menschen gewandt hätten. Meist war das die Mutter, einige wandten sich aber auch an Erwachsene außerhalb der Familie. Häufig scheuten diese sich jedoch davor einzugreifen - "und denken, es gehe sie nichts an, was hinter der Haustür einer Familie vor sich geht", erklärte Andresen. Dies sei sogar bei Fachkräften des Jugendamts so gewesen. Signale von Kindern seien zu oft übersehen worden, Hilfe sei ausgeblieben.

Geholfen hätten den betroffenen Kindern laut Studie Informationen darüber, an wen sie sich hätten wenden können, und gut informierte Erwachsene in ihrem Umfeld. Vertrauenspersonen in der Familie benötigten ihrerseits gute Unterstützung und Beratung, um ihr Kind schützen zu können, forderte die Kommission. Vertrauenspersonen außerhalb der Familie, etwa in der Schule oder einem Verein, müssten wissen, wie sie helfen können.

Auch sei auf der Basis von Betroffenenberichten zu klären, wie Jugendämter agierten. Dazu habe die Kommission jüngst eine Fallstudie in Auftrag gegeben, hieß es weiter. Betroffene forderten neben der gesellschaftlichen Aufarbeitung auch Aufarbeitung in den Familien, wozu fachliche Beratung und Unterstützung notwendig seien.

Die SPD-Politikerin Angela Marquardt, die Mitglied im Betroffenenrat ist, betonte: "Der Tatkontext Familie ist keine Privatsache." Kein Kind könne sich allein schützen. Die Gesellschaft habe nicht das Recht, Kinder in diesen Familien allein zu lassen.

(xity, AFP)