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Mögliche Trendwende bei ADHS-Therapie

Rückgang bei Verbrauch von Medikamenten

Nach einem steilen Anstieg der Verordnungen in den vergangenen 20 Jahren ist der Verbrauch von Medikamenten gegen ADHS nun erstmals leicht gesunken.

Berlin - Mögliche Trendwende bei der Therapie des "Zappelphilipp-Syndroms": Nach einem steilen Anstieg der Verordnungen in den vergangenen 20 Jahren ist der Verbrauch von Medikamenten gegen die sogenannte Aufmerksamkeitsdefizit-/Hyperaktivitätsstörung - kurz ADHS - nun erstmals leicht gesunken, wie das Bundesinstitut für Arzneimittel und Medizinprodukte (BfArM) in Bonn mitteilte. Neueste Zahlen der Techniker Krankenkasse (TK) bestätigen, dass immer weniger Kinder Ritalin bekommen.

Laut BfArM sank der bundesweite Verbrauch des Wirkstoffes Methylphenidat, besser bekannt unter dem Handelsnamen Ritalin, im vergangenen Jahr um zwei Prozent. 2013 wurden 1803 Kilogramm des ADHS-Wirkstoffes verbraucht, 2012 waren es noch 1839 Kilogramm. In den zehn Jahren zuvor hatte sich der Verbrauch verdreifacht.

Nach Ansicht von BfArM-Präsident Walter Schwerdtfeger kann derzeit noch nicht von einer "echten Abwärtstendenz" gesprochen werden. Gleichwohl sei dieser erste leichte Rückgang seit zwei Jahrzehnten ein "positives Signal, das möglicherweise auf einen kritischeren Umgang mit Methylphenidat hindeutet".

Neue Daten der Krankenkasse TK weisen ebenfalls auf ein Umdenken bei der ADHS-Therapie hin. Zwischen 2009 und 2012 ist demnach die Zahl der Kinder zwischen sechs und 17 Jahren, die Medikamente gegen ADHS bekommen haben, bundesweit um gut 3,4 Prozent gesunken. Zuvor hatte es zwischen 2006 und 2009 noch einen Anstieg um 32 Prozent gegeben.

"Offenbar ist die Vorsicht bei einer medikamentösen Behandlung von ADHS gewachsen", erklärte TK-Expertin Edda Würdemann. Lediglich in Nordrhein-Westfalen gab es zwischen 2009 und 2012 entgegen dem Trend einen Anstieg bei den Verschreibungen um 4,6 Prozent.

Seit den 1990er Jahren waren die Verordnungen von Arzneimitteln gegen das sogenannte Zappelphilipp-Syndrom steil nach oben gegangen. Experten machen dafür verbesserte Diagnosemöglichkeiten und eine früher einsetzende Therapie im Kindesalter verantwortlich, sehen aber auch die teils zu schnelle und zu häufige Verordnung von Medikamenten als Ursache.

ADHS-Arzneien wie Ritalin sind umstritten. Im Zusammenhang damit wurden Nebenwirkungen wie Appetitlosigkeit, Schlaflosigkeit, Angstzustände und Wachstumsstörungen bekannt. Der Gemeinsame Bundesausschuss (G-BA) von Ärzten, Kliniken und Kassen hatte deshalb 2010 die Verordnung der Mittel eingeschränkt. Für die Verschreibung gelten strenge Vorgaben.

Die Aufmerksamkeitsdefizit-/Hyperaktivitätsstörung ist die häufigste psychische Störung bei Kindern und Jugendlichen und kann bis ins Erwachsenenalter fortbestehen. Schätzungen zufolge sind 500.000 bis 600.000 Kinder und Jugendliche in Deutschland betroffen, Jungen dabei drei- bis viermal so häufig wie Mädchen. Kinder mit ADHS zeigen weniger Ausdauer, sind leicht ablenkbar und haben einen ausgeprägten Bewegungsdrang. Sie neigen zudem zu impulsivem und unüberlegtem Verhalten und sind emotional instabil.

Die genauen Ursachen für die Störung sind noch weitgehend unbekannt. Wissenschaftler gehen davon aus, dass neben genetischen Faktoren zum Beispiel auch Umwelteinflüsse eine Rolle spielen. Die Hauptursache wird in Veränderungen der Funktionsweise des Gehirns vermutet. Die Informationsverarbeitung zwischen verschiedenen Abschnitten des Gehirns ist gestört. Die möglichen Behandlungen reichen von Medikamenten über Verhaltenstherapien bis hin zum Neurofeedback, bei dem Patienten am Computer lernen, sich besser zu konzentrieren und zu entspannen.

(xity, AFP)


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