Mies-Experten stellen neue Publikation vor

Tegethoff und Fischer als Kuratoren bei Mehr Mies

Das Publikumsinteresse an den Krefelder Architekturtagen "Mehr Mies" ist nach wie vor ungebrochen.

Krefeld - Auch die inzwischen zwölfte Auflage lockte zahlreiche begeistere Laien und Fachleute an die Wilhelmshofallee, die sich für das Leben und Werk des Architekten Ludwig Mies van der Rohe (1886 bis 1969) interessieren. In Krefeld realisierte er unter anderem das in Europa einzigartiges Villen-Ensemble, die heutigen Museen Haus Lange und Haus Esters. Mit Professor Wolf Tegethoff und Dr. Rudolf Fischer vom Münchner Zentralinstitut für Kunstgeschichte konnten die Kunstmuseen Krefeld nun zwei Mies-Experten von internationalem Rang als wissenschaftliche Kuratoren für das Mehr-Mies-Wochenende gewinnen. "Das ist eine große Ehre für uns", so Fischer. Als thematische Basis diente ihre soeben im Gebrüder Mann Verlag erschienene Publikation "Modern Wohnen. Möbeldesign und Wohnkultur". Darin beschäftigen sie sich mit Möbeldesign und Wohnungsgestaltungen von Mies van der Rohe, aber auch von Schülern. Die Besucherplätze im Haus Lange waren zur Buchpräsentation rasch belegt.

Tegethoff leitet seit 1991 als Direktor das Zentralinstitut und gilt einer der bedeutendsten Experten des Werks von Mies van der Rohe. Die Schwerpunkte von Rudolf Fischer liegen unter anderem im Möbeldesign. Beide Wissenschaftler beschäftigen sich seit 2011 mit der Erstellung des Buches ?Werkverzeichnis der Möbel- und Möbelprojekte Ludwig Mies van der Rohes? am Zentralinstitut für Kunstgeschichte in München. "Das ist ein monumentales Werk", betonte zur Einführung Dr. Sylvia Martin, stellvertretende Leiterin der Kunstmuseen Krefeld. Dabei gehe es um die Verbindung zwischen Architektur und Design in den 1920er-Jahren. Das Buch "Modern Wohnen. Möbeldesign und Wohnkultur2 ist quasi ein "Nebenprodukt" dieses aktuellen Forschungsprojektes. Insgesamt 19 Autoren sind daran beteiligt. So auch der Kunsthistoriker und Stahlrohrmöbelexperte Dr. Otakar Macel von der Technischen Universität Delft und der Designer Bernd Dicke von der Fachhochschule Dortmund, die vor der Buchpräsentation in Haus Esters anhand von Original-Stahlrohrstühlen deren Konzeption und Zusammensetzung erläuterten.

Die Bauhausvillen in Krefeld sind Tegethoff und Fischer natürlich gut bekannt. "Ich habe zu Krefeld ein sehr inniges Verhältnis", bemerkte Fischer. Bereits in seiner Magisterarbeit (1998) beschäftigte er sich mit dem Industriebau zur Zeit der Weimarer Republik und hier mit den Mies-Gebäuden der Verseidag, den weltweit einzigen von Mies verwirklichten Industriegebäuden. Ähnliches gilt für Tegethoff, der schon 1981 in Krefeld unter dem Titel "Die Villen und Landhausprojekte von Ludwig Mies van der Rohe" in Haus Esters ausstellte. In diesem Zusammenhang erinnerte sich Tegethoff: "Die Möbel spielten da keine Rolle." Das sorgte im Publikum angesichts des Themas für überraschtes Raunen. Denn Wohnen und Architektur waren mit der Entwicklung des Neuen Bauens stets eng miteinander verbunden. "Mies hat nie Möbel ins Blaue entworfen, sondern immer für konkrete Projekte", so Tegethoff. Dieses gelte unter anderem für den Barcelona-Stuhl im Barcelona-Pavillon (1929), dem deutschen Ausstellungspavillon für die Weltausstellung in der spanischen Metropole.

In diesen Zeitraum fällt eine neue, grundsätzlich Frage: "Wie richte ich meine Wohnung ein?", so Fischer. Das "Neue Wohnen" wurde Ende der 1920er-Jahre, Anfang der 1930er-Jahre in der Presse und in Zeitschriften ein viel besprochenes und diskutiertes Thema. Es kamen Wohnratgeber auf den Markt, die exemplarisch Einrichtungen und Möbelstücke wie Stahlrohrmöbel vorstellten. Zudem gab es entsprechende Musterausstellungen von Wohnräumen. Derartige Publikationen und Präsentationen eröffneten auch eine breite Akzeptanz in bürgerlichen Haushalten. Der neuen Begeisterung schlug aber Anfang der 1930er-Jahre auch eine Kritik entgegen. Gerade die Stahlrohrmöbel wurden als unnötiger und teurer Luxus verpönt. So kostete der Freischwingerstuhl MR 10 von Mies van der Rohe seinerzeit 54 Reichsmark, dafür konnten auch zehn herkömmliche Holzstühle erworben werden.