Merkel und Tsipras sprechen in "guter Atmosphäre"

Bekenntnis zu Neustart des belasteten Verhältnisses

Kanzlerin Angela Merkel (CDU) und Athens Regierungschef Alexis Tsipras haben sich zu einem Neustart des belasteten deutsch-griechischen Verhältnisses bekannt.

Berlin - Zwar beharrte Merkel auf Reformen in Griechenland, gestand ihrem Gast dabei aber Eigenverantwortung zu. Am Abend zogen sie sich mehrere Stunden lang zu Gesprächen zurück. Beide hätten "in guter und konstruktiver Atmosphäre eine umfassende Aussprache" gehabt, teilte Regierungssprecher Steffen Seibert im Anschluss mit.

Tsipras stellte bei seinem Antrittsbesuch klar, dass es Athen in der Debatte über deutsche Kriegsschulden nicht vorrangig um Geld geht. Es handele sich "um keine materielle Forderung in erster Linie", sagte Tsipras. Eine Schließung des deutschen Goethe-Instituts in Athen stehe nicht zur Debatte: "Das können Sie vergessen, das gilt einfach nicht", betonte der Regierungschef. Entsprechende Erwägungen im griechischen Parlament und Justizministerium hatten das wegen der Schuldenkrise angespannte deutsch-griechische Verhältnis in den vergangenen Tagen zusätzlich belastet.

Tsipras machte nun deutlich, dass die Debatte über Reparationen ein "rein bilaterales Thema" sei, in dem es um eine "ethische Bewertung" gehe. Die Kanzlerin erinnerte in dem Zusammenhang an den Griechenland-Besuch von Bundespräsident Joachim Gauck im vergangenen Jahr, als dieser sich ausdrücklich zur deutschen Vergangenheit bekannt hatte.

Auch mit Blick auf die Gegenwart rief Tsipras dazu auf, "die schrecklichen Stereotype zu überwinden." Weder "sind Griechen Faulenzer, noch sind Deutsche Schuld an Übeln und Missständen in Griechenland". Dass Bundesfinanzminister Wolfgang Schäuble (CDU) in einer Karikatur der Parteizeitung seiner Syriza in Nazi-Uniform dargestellt worden sei, sei "schrecklich" gewesen.

Die Kanzlerin bemühte sich ebenfalls um Entspannung: "Es ist uns beiden daran gelegen, eine vertrauensvolle Zusammenarbeit zu finden", sagte sie. Eine Entspannung der prekären Finanzlage ihres Gastes konnte sie indes nicht in Aussicht stellen: Die Bewertung der Reformmaßnahmen, die Tsipras in einer konkreten Liste präsentieren muss, sowie die Auszahlung weiterer Notkredite oblägen den Gläubigerinstitutionen und den Euro-Finanzministern.

Tsipras und Merkel hatten sich zuletzt bei einem Sondertreffen am Rande des EU-Gipfels in der Nacht zum Freitag in Brüssel beraten. Dabei sagte der griechische Regierungschef eine "vollständige Liste spezifischer Reformen" für "die kommenden Tage" zu. Dies ist Voraussetzung für mögliche weitere Zahlungen an Griechenland. Inwieweit Tsipras Merkel schon Details seiner Liste vorstellte, blieb zunächst unklar.

Ein Durchbruch in der Schuldenkrise war nicht erwartet worden. Deutschland sei nur eines von 19 Euro-Ländern und könne nicht für die anderen sprechen, stellte Merkel noch einmal klar.

Heute trifft sich Tsipras auch mit Vertretern der Oppositionsparteien. Am Vormittag will er zunächst die Parteichefin der Linken, Katja Kipping, und den Vorsitzenden der Linken-Bundestagsfraktion, Gregor Gysi, treffen. Am Nachmittag ist unter anderem eine Begegnung mit den beiden Parteivorsitzenden der Grünen, Cem Özdemir und Simone Peter, geplant.

(xity, AFP)