16.06.2019 || Startseite -> Nachrichten aus duesseldorf -> lokales -> Merkel grenzt sich in US-Rede scharf von Trump ab

Merkel grenzt sich in US-Rede scharf von Trump ab

Kanzlerin an der Eliteuniversität Harvard bejubelt und geehrt

"Global statt national, weltoffen statt isolationistisch": Unter diesem Motto hat Bundeskanzlerin Angela Merkel (CDU) in einer Rede an der US-Universität Harvard nachdrücklich für eine multilaterale Politik geworben.

Berlin - Globale Herausforderungen wie der Klimawandel, der Hunger oder "Krieg und Terrorismus" könnten nur bewältigt werden, wenn die Staaten zusammen agierten, sagte Merkel am Donnerstag bei der akademischen Abschlussfeier der weltberühmten US-Elitehochschule.

"Veränderungen zum Guten sind möglich, wenn wir sie gemeinsam angehen. In Alleingängen wird das nicht gelingen", betonte die Kanzlerin. Ihre immer wieder von Applaus und Jubel begleitete Rede konnte als direkte Replik auf den "Amerika zuerst"-Kurs von Donald Trump verstanden werden. Der US-Präsident betrachtet den Multilateralismus mit Argwohn und hat sich von diversen internationalen Vereinbarungen - darunter dem Pariser Klimaschutzabkommen - abgekehrt.

An der linksliberal geprägten Harvard University in Cambridge im Bundesstaat Massachusetts hat Trump nicht viele Freunde - Merkel wurde dort geradezu als Gegenfigur zum US-Präsidenten zelebriert. Vor ihrer Rede war sie mit einem Ehrendoktortitel geehrt worden. Diesen begründete die Universität unter anderem damit, dass sich die Kanzlerin "standhaft" für die internationale Kooperation einsetze.

Als Hauptrednerin der Abschlussfeier mit tausenden Teilnehmern sagte Merkel: "Mehr denn je müssen wir multilateral statt unilateral denken und handeln." Sie bezeichnete es als durch internationale Kooperation lösbare Aufgaben, die Klimaerwärmung zu stoppen, den Hunger zu besiegen, Krankheiten auszurotten und die Ursachen von Flucht und Vertreibung einzudämmen.

"Das alles können wir schaffen", sagte sie - eine offenkundige Anspielung auf ihren berühmten Ausspruch "Wir schaffen das" während der Flüchtlingskrise von 2015. Die Harvard University bewertete in einem Kommentar auf ihrer Website diesen einstigen Ausspruch als Ausdruck der "scharfsinnigen Entschlossenheit und des Pragmatismus" der Kanzlerin.

Beim Thema Klimaschutz übte Merkel allerdings auch Selbstkritik. Es müsse "alles Menschenmögliche" getan werden, um "diese Menschheits-Herausforderung wirklich in den Griff zu bekommen". Dazu müsse jeder seinen Beitrag leisten und auch die Bundesregierung "besser werden", sagte sie.

Von Trump grenzte sich die Kanzlerin in ihrer rund halbstündigen Ansprache auf diversen Politikfeldern scharf ab, ohne ihn jemals beim Namen zu nennen. So kritisierte sie unmissverständlich die US-Strafzölle: "Protektionismus und Handelskonflikte gefährden den freien Welthandel und damit die Grundlagen unseres Wohlstands."

Als Kommentar zu Trumps stürmischem Politikstil wurde im Publikum offensichtlich auch die Mahnung der Kanzlerin verstanden, "bei allem Entscheidungsdruck nicht immer unseren ersten Impulsen" zu folgen, sondern die Zeit zum "innehalten, nachdenken, Pause halten" zu nehmen - dies wurde mit Applaus und Gelächter quittiert. Stehende Ovationen für die Kanzlerin gab es dann, als sie Faktentreue forderte - "dass wir Lügen nicht Wahrheiten nennen und Wahrheiten nicht Lügen".

Merkel bettete ihre Botschaften in den Kontext der deutschen Nachkriegsgeschichte ein und schilderte auch ihre persönlichen Erfahrungen als einstige DDR-Bürgerin. Durch den Mauerfall habe sie gelernt: "Was festgefügt und unveränderlich scheint, das kann sich ändern."

Als Beispiel dafür nannte Merkel auch, dass die einstigen Kriegsgegner USA und Deutschland zu Freunden geworden seien. Sie erinnerte an den Marshall-Plan zum Wiederaufbau Westdeutschlands nach dem Zweiten Weltkrieg. Der Plan war von dem damaligen US-Außenminister George Marshall 1947 im gleichen Rahmen verkündet worden, in dem Merkel ihre jetzige Rede hielt - bei einer Abschlussfeier der Harvard University.

Merkel hielt sich nur kurz in den USA auf. Treffen mit der US-Regierung hatte sie nicht, einen Stopp in Washington gab es nicht. Von der Bundesregierung wurde dies mit Terminschwierigkeiten begründet. Merkel war zuletzt im April 2018 zu Besuch bei Trump.

(xity, AFP)


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