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Kinderärztin erhält Promotionsurkunde 80 Jahre später

Prüfungsverbot für 102-Jährige während Nazi-Zeit

Mit fast 80-jähriger Verspätung hat die Kinderärztin Ingeborg Syllm-Rapoport in Hamburg ihre Promotionsurkunde erhalten.

Hamburg - Die 102-Jährige, der 1938 während der Nazi-Zeit wegen ihrer jüdischen Abstammung die Teilnahme an der entscheidenden mündlichen Prüfung verweigert worden war, nahm das Dokument nach Angaben des Universitätsklinikums Hamburg-Eppendorf (UKE) bei einer Feierstunde entgegen. Die Prüfung hatte Syllm-Rapoport im Mai in ihrer Berliner Wohnung nachgeholt.

Durch die Verleihung der Promotion sei es gelungen, "ein Stück Gerechtigkeit wiederherzustellen", erklärte der Vorstandschef und Ärztliche Direktor des UKE, Burkhard Göke. "Wir können geschehenes Unrecht nicht ungeschehen machen, aber unsere Einsichten in die Vergangenheit prägen unsere Perspektiven für die Zukunft." Hamburgs Wissenschaftssenatorin Katharina Fegebank (Grüne) nannte den Akt eine "wunderbare geschichtsbewusste Geste", die zu Recht international große Beachtung gefunden habe.

Syllm-Rapoport war 1912 in der damaligen deutschen Kolonie Kamerun als Tochter der jüdischen Pianistin Maria Syllm geboren worden und wuchs in Hamburg auf. 1937 beendete sie dort ihr Medizinstudium und begann, als Assistenzärztin am Israelitischen Krankenhaus Hamburg zu arbeiten. Parallel dazu schrieb sie ihre Doktorarbeit über Diphterie. Aufgrund ihrer jüdischen Abstammung durfte sie diese aber nicht einreichen und wurde von den Hochschulbehörden unter Verweis auf die NS-"Rassegesetze" auch nicht zur dazugehörigen Prüfung zugelassen.

Syllm-Rapoport wanderte 1938 gezwungenermaßen in die USA aus, wo sie weiter als Kinderärztin arbeitete und auch ihren Doktortitel erwerben konnte. Im Exil heiratete sie den Biochemiker Samuel Mitja Rapoport, der ein wichtiges Verfahren zur Stabilisierung von Blut in Blutkonserven entdeckte. Weil Rapoport überzeugter Kommunist war, wurden das Paar Anfang der 50er Jahre in den USA stark angefeindet und siedelte mit den vier Kindern über Österreich in die DDR über.

Dort brachte es Syllm-Rapoport zur Professorin und baute an der berühmten Berliner Charité den ersten Lehrstuhl für Neugeborenen-Medizin in Deutschland auf. Auch nach ihrer Emeritierung war sie bis in die 1980er Jahre noch wissenschaftlich aktiv. 1997 erschienen ihre Memoiren "Meine ersten drei Leben".

Das Ablegen einer unterbrochenen Doktorprüfung nach derart langer Zeit war Neuland für alle Beteiligten. Nach Angaben des UKE war es seitens der Klinik der Dekan der Medizinischen Fakultät, Uwe Koch-Gromus, der anlässlich des 100. Geburtstags von Syllm-Rapoport von deren Schicksal erfuhr und sich "mit Nachdruck" dafür einsetzte, den Fall aufzuklären.

Anfang Mai reiste er an der Spitze einer dreiköpfigen Kommission zu Syllm-Rapoport, um in ihrer Wohnung in Berlin-Pankow das Prüfungsgespräch über die Dissertation zu führen. Nach Angaben der Klinik hatte sich die Seniorin darauf mit Hilfe von Freunden und Verwandten vorbereitet. "Wir waren beeindruckt von ihrer intellektuellen Wachheit und sprachlos über ihr Fachwissen - auch im Bereich moderner Medizin", erklärte Koch-Gromus anschließend. Syllm-Rapoport schloss ihr Studium mit der Note "magna cum laude" ab.

(xity, AFP)


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