Kinder und Jugendliche von Corona stark belastet

Thema im Arbeitskreis Sucht und Gewaltprävention

Die Auswirkungen der Corona-Pandemie auf junge Menschen standen im Mittelpunkt der jüngsten Sitzung des Arbeitskreises Sucht- und Gewaltprävention Wertheim.

Wertheim - Die Auswirkungen der Corona-Pandemie auf junge Menschen standen im Mittelpunkt der jüngsten Sitzung des Arbeitskreises Sucht- und Gewaltprävention Wertheim. Das Gremium, dem vor allem Fachleute der Kinder- und Jugendarbeit angehören, tagte unter Vorsitz von Bürgermeister Wolfgang Stein in digitaler Form. Zur Sprache kamen dabei auch die Kriminalitätsentwicklung in Wertheim und die Weiterentwicklung der Suchtprävention. Wie Silvia Ziegler und Thomas Sauter vom Jugendamt des Main-Tauber-Kreises berichteten, sind die Fallzahlen bei der Inanspruchnahme von Hilfen zur Erziehung und der Erziehungsberatung im vergangenen Jahr deutlich zurückgegangen. Sie führten dies eindeutig auf die Situation in den Lockdowns, einhergehend mit Kontaktbeschränkungen zurück. „Die Bedarfe waren nicht ermittel-, Hilfen nicht einleitbar“, so die beiden Fachleute. Sie gingen aber von künftig wieder steigenden Zahlen aus. Diese Entwicklung sei bereits sichtbar.

Die Corona-Pandemie beeinträchtige die Lebenswelt von Kindern, Jugendlichen und Familien stark, stellten Ziegler und Sauter fest. „Der Druck steigt. Je länger die Pandemie dauert, desto näher kommen Eltern an ihre Grenzen, an das Ende ihrer Kräfte.“ Die Fachleute konstatierten auch eine steigende Zahl an Kindern und Jugendlichen, die selbst beim Jugendamt vorsprechen, auf ihre Notlage hinweisen und um Inobhutnahme bitten. Das Wechselspiel zwischen unzufriedenen Kindern und überlasteten Eltern sei „hoch explosiv“.

Einig war man sich in dem Arbeitskreis darin, dass in den vergangenen mehr als eineinhalb Jahren die Wichtigkeit von Kinderbetreuungseinrichtungen und Schulen besonders deutlich geworden ist. „Noch ordentlich Nebel“ gebe es um die Frage, wie das von politisch Verantwortlichen allerorten postulierte „Aufholen nach Corona“ geschehen und letztendlich finanziert werden solle, kritisierte Bürgermeister Stein. „Deutliche Signale aus Stuttgart“ forderte er auch hinsichtlich der Deckung des Bedarfs an pädagogischen Fachkräften für Kindertagesstätten. Man dürfe die Erzieherinnen und Erzieher nicht im Regen stehen lassen.

Kaum ein gutes Haar ließen die an der Sitzung teilnehmenden Schulleiterinnen und Schulleiter an den Programmen, mit denen Schülerinnen und Schülern das Aufarbeiten von Defiziten, die während der Schulschließung entstanden sind, ermöglicht werden soll. Statt zusätzlichem Unterricht am Freitagnachmittag oder am Samstag wäre es erfolgversprechender, in den Kernfächern mehr wöchentlichen Unterricht zu ermöglichen und dafür in den Nebenfächern zu streichen, meinte nicht nur der Leiter des Beruflichen Schulzentrums, Oberstudiendirektor Manfred Breuer. Die geschäftsführende Schulleiterin der Wertheimer Schulen Simone Schott kritisierte „bürokratische Hemm- und Hindernisse“ etwa bei der Beschäftigung von pädagogischen Assistenten. Zudem sei die hierfür vorgesehene Bezahlung mehr als beschämend.

Ausgehend vom Namen des Arbeitskreises beschränkte Erster Polizeihauptkommissar Matthias Jeßberger seinen Überblick über die Kriminalitätsentwicklung vor allem auf die Verstöße gegen das Betäubungsmittelgesetz und auf Gewaltdelikte. Insgesamt sähen auf den ersten Blick die Zahlen für die Stadt Wertheim sehr gut aus, sagte der Leiter des Polizeireviers. Dies sei allerdings auch eine Folge der coronabedingten Ausgangsbeschränkungen. Besorgnis erweckte, nicht nur bei ihm, die Zahl an Kindern und Jugendlichen im Kreis der Tatverdächtigen sowohl bei Drogen- als auch bei Gewaltdelikten.

Nach Angaben Jeßbergers sind in Wertheim „entsprechend der enormen Nachfrage“ große Mengen an sogenannten „weichen Drogen“ im Umlauf. Als einen „Brennpunkt“ für den Einsatz seiner Beamtinnen und Beamten identifizierte der Revierleiter vor allem den Bereich „links der Tauber“. Er stellte zudem „häufig aggressives Verhalten“ fest, das sich auch gegen die Polizei richte. Als ein unrühmliches Beispiel schilderte der Erste Polizeihauptkommissar die Festnahme eines 13-Jährigen beim „Herbstvergnügen“. Während er abgeführt worden sei, habe er versucht, dem Polizisten dessen Waffe aus dem Holster zu ziehen. Dabei versammelten sich etwa Kinder und Jugendliche um die Polizisten, bedrängten diese massiv und filmten die Maßnahme.

Abschließend referierte Michael Goldhammer von der Suchtberatungsstelle der Arbeitsgemeinschaft Kinder- und Jugendhilfe (AGJ) noch über das Suchtpräventionsprojekt „Halt (Hart am Limit)“. In einem reaktiven und einem proaktiven Teil sucht dieses zum einen die frühzeitige Ansprache und Unterstützung für Kinder, Jugendliche und junge Erwachsene mit schädlichem Alkohol/Mischkonsum und ihre Eltern und arbeitet dabei unter anderem mit Krankenhäusern, Schulen oder Jugendämtern zusammen. Zum anderen geht es um die Prävention von Alkohol-/Drogenmissbrauch bei jungen Menschen durch die Kooperation mit Kommunen, Polizei, Festveranstaltern und Vereinen.

Kinder und Jugendliche seien seit Beginn der Pandemie auch im Freizeitbereich von den Corona-Einschränkungen besonders betroffen, stellte schließlich der Geschäftsführer des Arbeitskreises, Uwe Schlör-Kempf, fest. „Wir sollten deshalb grundsätzlich alles daransetzen, die Möglichkeiten und Chancen zu nutzen, die uns die Corona-Verordnungen bieten“, so der Leiter des Referats Bildung und Familie in der Stadtverwaltung. Dazu zählte er auch die Jugendhäuser und die Jugendtreffs in den Ortschaften. Für wichtig erachte er es, mit den Kindern und Jugendlichen im Gespräch zu bleiben, sagte Schlör-Kempf. „Gehört und beteiligt werden ist gerade in der jetzigen Situation, in der die Unsicherheiten wieder zunehmen, von ganz großer Bedeutung.“