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IPCC-Bericht erhöht Druck für ehrgeizigeren Klimaschutz in Deutschland

Klimaforscher Portner: Die Engpässe liegen auf der politischen Seite

Mit Blick auf den aktuellen Bericht des Weltklimarats rufen Verbände, Wissenschaftler und Oppositionspolitiker die Bundesregierung zu mehr Anstrengungen beim Klimaschutz auf. Auch Umweltministerin Svenja Schulze erkannte erhöhten Handlungsbedarf an.

Der aktuelle Bericht des Weltklimarats zur Begrenzung der Erderwärmung auf 1,5 Grad bringt auch neuen Schwung in die klimapolitische Debatte in Deutschland. Verbände, Wissenschaftler und Oppositionspolitiker riefen die Bundesregierung am Montag auf, den Kohleausstieg zu beschleunigen und Blockaden ehrgeizigerer EU-Klimaziele zu beenden. Auch Vertreter der Bundesregierung erkannten einen erhöhten Handlungsbedarf an.

Der Weltklimarat dringt in seinem am frühen Morgen im südkoreanischen Incheon vorgestellten Bericht auf "schnelle, weitreichende und beispiellose Änderungen in allen gesellschaftlichen Bereichen". Nur so lasse sich das technisch durchaus umsetzbare Ziel des Pariser Klimaschutzabkommens erreichen, wonach die Erwärmung möglichst nicht mehr als 1,5 Grad verglichen mit dem vorindustriellen Niveau betragen soll.

"Es geht um jedes Zehntel, ja sogar jedes Hundertstel Grad vermiedene Erwärmung", erklärte der Politische Geschäftsführer von Germanwatch, Christoph Bals. Schon ab einer Erwärmung von 1,5 Grad könnten Prozesse angestoßen werden, die nicht mehr umkehrbar seien, warnte er in Bonn. Gemeinsam mit dem evangelischen Entwicklungswerk Brot für die Welt forderte Germanwatch einen "sozialverträglichen Ausstieg aus der Kohle bis ungefähr 2030".

Der IPCC stelle klar, dass es möglich sei, den Temperaturanstieg bei 1,5 Grad zu begrenzen und so die "drastischen Folgen einer deutlich heißeren Welt abzuwenden", erklärte der Greenpeace-Experte Benjamin Stephan. Der "breite gesellschaftliche Widerstand" gegen die Kohlepläne des Stromkonzerns RWE am Hambacher Forst zeige, "dass viele Menschen beim Schutz des Klimas längst weiter sind als die Politik". "Zeit für Klimaschutz ist jetzt - nicht in zehn Jahren", erklärte der Entwicklungs-Dachverband Venro.

Auch Grünen-Fraktionschef Anton Hofreiter forderte als Konsequenz aus dem neuen Bericht die Bundesregierung auf, schnellstmöglich die Stromerzeugung aus Kohle zu beenden. "Hitzesommer, Extremwetter, Ernteausfälle - alle Alarmzeichen stehen auf Rot", sagte er der Nachrichtenagentur AFP in Berlin. Der Linken-Klimaexperte Lorenz Gösta Beutin wertete den IPCC-Bericht als "krachenden Warnschuss für die Bundesregierung".

Bundesumweltministerin Svenja Schulze (SPD) bekannte sich dazu, dass mehr Anstrengungen notwendig seien. "Wir dürfen beim Klimaschutz keine Zeit mehr verlieren", erklärte sie in Berlin. Es sei wichtig, "den Abschied von Kohle, Öl und Gas" hinzubekommen.

Umwelt-Staatssekretär Jochen Flasbarth verwies besonders auf zwei Bereiche, "wo wir die Anstrengungen erheblich erhöhen müssen". Dies sei zum einen der Verkehrssektor, "wo wir ein ganzes Stück hinterherhängen", zum anderen energieintensive Industrien mit hohen Prozessemissionen wie Stahl- oder Zementherstellung.

Um den Verkehrssektor geht es am Dienstag im EU-Umweltrat. Deutschland sperrt sich hier gegen Forderungen des EU-Parlaments nach strengeren Abgasvorgaben für Autos. Der Umweltverband WWF rief die Bundesregierung zu einem Kurswechsel auf.

Der Ko-Vorsitzende der Arbeitsgruppe II des IPCC, der Kieler Klimaforscher Hans-Otto Portner, machte in einer Schaltkonferenz vom südkoreanischen Incheon aus deutlich, dass er die Probleme beim Klimaschutz derzeit "nicht auf der physikalischen oder technologischen Seite" sehe: "Die Engpässe liegen klar auf der politischen, der institutionellen Seite." Auch die Klimawissenschaftlerin Daniela Jacob vom Hamburger Gerics-Center drängte, dass Deutschland sich "ambitionierter bewegen könnte".

© 2018 AFP


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