Gewerkschaft: Deutschland vergibt Chancen bei eingewanderten Lehrkräften

GEW sieht Probleme bei Anerkennung von Abschlüssen und Weiterbildung

Deutschland verschenkt angesichts des Mangels an Lehrkräften Chancen bei der Anerkennung ausländischer Berufsabschlüsse.

Berlin - Zu diesem Schluss kommt die Gewerkschaft Erziehung und Wissenschaft (GEW) mit Sitz in Frankfurt am Main in einer am Montag vorgestellten Untersuchung. Demnach könnten jedes Jahr hunderte zusätzliche Lehrkräfte mit Migrationshintergrund an deutschen Schulen tätig werden, wenn das Verfahren verbessert würde.

Während in der gesamten erwerbstätigen Bevölkerung mehr als 24 Prozent einen Migrationshintergrund - also mindestens ein im Ausland geborenes Elternteil - hätten, seien es bei den Lehrkräften nur elf Prozent, sagte Studienautor Roman George, Referent für Bildungspolitik bei der GEW Hessen. Hürden gebe es unter anderem bei der Anerkennung von Berufsabschlüssen und bei den Ausgleichsverfahren, die stattfinden, wenn ein Abschluss nicht direkt anerkannt wird.

Die Anerkennung solcher Berufsabschlüsse ist die Aufgabe der Bundesländer. Sie können einem Antrag direkt stattgeben oder ihn ablehnen. In den meisten Fällen ist es laut den von der GEW gesammelten Zahlen aber so, dass Auflagen gemacht werden und ein sechs Monate bis drei Jahre dauernder Anpassungslehrgang absolviert werden muss.

Ein häufiges Problem ist demnach die Tatsache, dass Lehrkräfte in Deutschland - anders als in den meisten anderen Ländern - zwei Fächer studieren und unterrichten. Für die volle Anerkennung müssen darum viele ausländische Lehrkräfte ein weiteres Fach erlernen. Die GEW-Vorsitzende Maike Finnern forderte die Möglichkeit, dass die Betreffenden dies berufsbegleitend tun könnten und in der Zeit bereits teilweise bezahlt würden. "Die Leute müssen ihre Familien ernähren", sagte sie.

Oft deckten sich Fächer auch nicht eins zu eins, so dass beispielsweise ein Lehrer, der im Ausland Deutsch unterrichtet habe, in Deutschland nur Deutsch als Zweitsprache lehren dürfe, erklärte George. Er stellte eine Statistik zu Berlin vor, derzufolge von 2500 Anträgen auf Anerkennung in fünf Jahren 143 ohne Auflagen positiv beschieden worden seien. 1662 Bewerbern seien Auflagen gemacht worden - sie sollten also einen Anpassungslehrgang abschließen.

Dies sei aber in dem Zeitraum nur 171 von ihnen gelungen, sagte George, der von einem "erschreckenden Befund" sprach. Die GEW stellte unter anderem fest, dass bei diesen Lehrgängen zielgruppenspezifische Angebote fehlten, die den Teilnehmenden etwa didaktische Traditionen in Deutschland nahe bringen.

Auch sprachliche und finanzielle Hürden sowie Diskriminierungserfahrungen nannte die Gewerkschaft als Gründe für das Scheitern von Anerkennungen. Gute Deutschkenntnisse seien in dem Beruf wichtig, betonte sie. Es gebe aber zu wenige berufsbezogene Sprachkurse. Wer noch nicht im Beruf stehe, könne schwerlich ein sogenanntes C2-Zertifikat erwerben, das viele Länder voraussetzten.

Die GEW schätzt, dass sich die Erfolgsquote bei der Anerkennung von 20 auf 50 Prozent steigern ließe, wenn die Hürden abgebaut würden. Statt der 500 Lehrkräfte mit Migrationshintergrund, die aktuell jährlich anerkannt würden, könnten es dann 1375 mit voller Lehramtsbefähigung sein. "Die Länder sollten diese Ressourcen nicht länger verschenken", forderte Finnern, die auf den grassierenden Lehrermangel verwies.

(xity, AFP)