23.10.2018 || Startseite -> Nachrichten aus duesseldorf -> lokales -> Forschungsprojekt "Die Toten des Novemberpogroms"

Forschungsprojekt "Die Toten des Novemberpogroms"

Halbzeit-Ergebnisse wurden nun vorgestellt

Im Herbst 2018 jähren sich die Novemberpogrome von 1938 zum 80. Mal. Zu diesen Ereignissen ist in den vergangenen 30 Jahren viel stadt- und lokalgeschichtlich aufgearbeitet worden, etliche Studien und Dokumentationen sind erschienen.

Düsseldorf - Zu einem großen Teil waren und sind diese Publikationen auf lokale Akteure und bürgerschaftliche Initiativen zurückzuführen: auf Schülerprojekte, auf örtliche Gedenkstätten, Stadtarchive, Jugendgruppen oder Geschichtswerkstätten. Neben den zerstörten Synagogen und den Verwüstungen von Wohnungen, Ladenlokalen oder Arztpraxen standen immer auch die Gewaltakte gegen jüdische Menschen im Mittelpunkt solcher Untersuchungen. Zumeist konnte rekonstruiert werden, welche Personen durch Mord, schwere Verletzungen, Schock oder Suizid ihr Leben verloren.

Die Mahn- und Gedenkstätte der Landeshauptstadt Düsseldorf unternimmt nun seit Februar 2018 in einem Landesprojekt erstmalig den Versuch, die Gesamtzahl und die Namen derjenigen Personen für das ganze heutige Land Nordrhein-Westfalen zu eruieren, die im Kontext der Pogrome starben oder ermordet wurden. Die Ergebnisse sollen kurz vor dem 9. November 2018 vorgestellt werden. Bei der Recherche und der Zusammenstellung der Opfer ist aber schon jetzt deutlich geworden, dass unser Verständnis und auch die Darstellung der Pogromnacht in Wissenschaft und Unterricht einer starken Bagatellisierung der Ereignisse gleicht: Sehr viel mehr Menschen wurden ermordet oder in den Selbstmord getrieben als man bisher annahm. Zugleich ist bei den Recherchen vielfältiges Material erschlossen worden. Damit lassen sich viele für das historisch politische Lernen wichtige Fragen genauer und konkreter stellen und beantworten.

Am Mittwoch, 13. Juni, wurde in der Düsseldorfer Mahn- und Gedenkstätte das Projekt zur "Halbzeit" vorgestellt. Vorgehensweise und Mitwirkung der Archive und Gedenkstätten im Land NRW sowie erste Tendenzen wurden erläutert von: Maria Springenberg-Eich, Leiterin der Landeszentrale für politische Bildung Nordrhein-Westfalen im Ministerium für Kultur und Wissenschaft des Landes Nordrhein-Westfalen, Dr. Hans Wupper-Tewes, Leiter des Gedenkstättenreferats der Landeszentrale, Dr. Bastian Fleermann, Leiter der Mahn- und Gedenkstätte Düsseldorf, Hildegard Jakobs, stellvertretende Institutsleiterin Mahn- und Gedenkstätte, sowie von den Projektmitarbeitern Immo Schatzschneider und Gerd Genger.

Das Projekt, das seit dem Frühjahr 2018 läuft und von der Landeszentrale für politische Bildung unterstützt wird, verfolgt zunächst einmal das Ziel, die Ermordeten des Herbstes 1938 namentlich zu identifizieren, um sie angemessen zu würdigen und ihrer zu gedenken, und die Ergebnisse jahrzehntelanger Lokal- und Regionalforschung erstmalig zusammen zu fassen. Zurückgegriffen werden hierbei in einer systematischen Auswertung auf Archivalien in den Kreis- und Kommunalarchiven (Sterberegister, Meldedaten), auf die bestehende Literatur (Aufsätze und Bücher zur deutsch-jüdischen Lokalgeschichte) sowie auf Hinweise in online-Datenbanken.

Die bisherige Darstellung der Novemberpogrome geht von 100 oder 500 Toten aus (reichsweit). Hier ist eine notwendige Korrektur angebracht. Für die Landesregierung und die am Ministerium für Kultur und Wissenschaft des Landes Nordrhein-Westfalen angesiedelte Landeszentrale für politische Bildung ist jedoch entscheidend, welche Schlüsse aus den Novemberpogromen von 1938 für das politisch-historische Lernen und die politische Bildungsarbeit gezogen werden können.

Verhalten der Bevölkerung
Das landesweite Projekt kann dazu dienen, bestimmte Fragen neu aufzurollen: Welches Verhalten zeigte der Großteil der Bevölkerung? Wie tabuisiert waren Tumult, Mord und Totschlag noch 1938? Welche Rolle spielten materielle Werte (Plünderung, Diebstahl, Raub)? Welche Rolle spielten Selbstermächtigung und Hierarchiesysteme in der Eskalation der Gewalt?

Eskalation und Grenzverschiebung
Der Pogrom als öffentlich wahrnehmbare Eskalationsstufe und Scharnier von beziehungsweise zwischen der Ausgrenzung (1933-1938) bis zum Holocaust (1941-1945) hat letztlich auch im Sinne des NS-Regimes herausgestellt, wie "weit" es bei der Verfolgung der jüdischen Minderheit gehen konnte und wie hoch die Toleranz gegenüber der staatlich gelenkten Gewalt ausgeprägt war. Hierbei stellt sich nach wie vor die Frage: War der Pogrom "spontan" oder gelenkt - oder beides? Die Gleichzeitigkeit von Systematik und Exzess, Planung und Eskalation, Normenstaat und gewalttätiger Maßnahme oder "Aktion" scheint typisch für die gesamte NS-Politik.

Vorbildcharakter des landesweiten Projekts
Die Landeszentrale fördert das Projekt auch deshalb, weil die Befunde gewissermaßen zu allen Bundesländern fehlen und NRW hier beispielgebend einen Pilotcharakter verfolgt, um Ähnliches in anderen Bundesländern anzustoßen oder zu inspirieren. Ziel könnte es sein, dass die Bundesrepublik und Österreich mittelfristig in Zukunft alle Toten der Novemberpogrome identifizieren könnten.

Finale Ergebnispräsentation im November
Im November 2018, kurz vor dem 80. Jahrestag der Ereignisse und im Kontext der offiziellen Gedenkstunde des Landes, des Landtages und der Landeshauptstadt erfolgt die Präsentation der Ergebnisse. Eine Veröffentlichung (print oder online) ist möglich.


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