Fast 42 Jahre nach Tod eines Achtjährigen in der DDR kommt der Fall vor Gericht

Fast 42 Jahre nach dem Tod eines achtjährigen Jungen in der damaligen DDR muss sich die Mutter des Kindes wegen Mordes verantworten.

Neuruppin - Die Staatsanwaltschaft wirft der heute 74-Jährigen vor, ihren Sohn Mario vorsätzlich und heimtückisch getötet zu haben, wie eine Sprecherin des Landgerichts Neuruppin am Freitag sagte. Der Prozess beginnt am 27. April.

Der Vater des Jungen, Adolf F., sagte der Berliner Zeitung "B.Z.", er finde es "gut, dass dieser Fall jetzt aufgearbeitet wird". Der Staatsanwaltschaft zufolge soll die Angeklagte ihren damals achtjährigen Sohn in der Nacht vom 4. zum 5. November 1974 in Schwedt im Schlaf mit Kohlenmonoxid aus dem Gasherd getötet haben.

Die Mutter des Jungen soll Medienberichten zufolge damals angegeben haben, es habe sich um einen Unfall gehandelt. Das Verfahren wurde geschlossen. Die Angeklagte reiste demnach 1987 aus der DDR aus und zog nach Niedersachsen. Heute lebt sie in Göttingen.

Die Wende in dem Fall brachte ein anonymer Hinweisgeber. Im August 2009 sei bei der Staatsanwaltschaft Hannover eine anonyme Strafanzeige eingegangen, in der der Vorwurf erhoben wurde, dass der Achtjährige ermordet worden sein soll, sagte die Gerichtssprecherin. "Damit kamen die Ermittlungen in Gang."

Als Motiv für die Tat nennt die Anklage nach Zeitungsberichten, die Mutter sei mit der Erziehung ihres Sohnes überfordert gewesen. Nach Angaben des Gerichts ist die Angeklagte auf freiem Fuß. Es sei kein Haftbefehl erlassen worden, weil keine Gründe wie Flucht- oder Verdunklungsgefahr bestünden.

Nach DDR-Strafrecht wäre Mord nach 25 Jahren verjährt. Mit der Wiedervereinigung wurde gesetzlich festgelegt, dass Morde auch aus DDR-Zeiten nicht verjähren.

Für den Prozess vor dem Landgericht Neuruppin sind zunächst insgesamt vier Verhandlungstage bis zum 11. Mai anberaumt. Am ersten Prozesstag sind nach Gerichtsangaben unter anderem der damalige Notarzt und der frühere Sicherheitsinspekteur des Gasunternehmens als Zeugen geladen. Am zweiten Verhandlungstag soll der Rechtsmediziner aussagen.

(xity, AFP)