15.11.2018 || Startseite -> Nachrichten aus duesseldorf -> lokales -> Die erste Schubkarre der alten Schanzer

Die erste Schubkarre der alten Schanzer

Ein außergewöhnlicher Fund vom Gießereigelände

Von spektakulären Funden konnten jetzt die Archäologen berichten: zwei Schubkarren aus dem frühen 16. Jahrhundert wurden auf dem Gießereigelände entdeckt.

Ingolstadt - „Es ist sehr ungewöhnlich“, erklärte Stefan Dembinski von Pro Arch, „so gut erhaltene Alltagsgegenstände zu finden.“ Stadtarchäologe Dr. Gerd Riedel und Dr. Ruth Sandner vom Landesamt für Denkmalpflege präsentierten gemeinsam mit Dr. Ansgar Reiß vom Bayerischen Armeemuseum und Stefan Dembinski das bereits konservierte Exemplar.

Seit 2011 finden die Ausgrabungen auf dem Gießereigelände statt. 2014 und 2017 wurden im Auftrag der Stadt Ingolstadt unter der Fachaufsicht des Bayerischen Landesamtes für Denkmalpflege durch die Ingolstädter Grabungsfirma ProArch Prospektion und Archäologie GmbH zwei hölzerne Schubkarren bei archäologischen Ausgrabungen in den Ingolstädter Festungsanlagen freigelegt. Die dendrochronologischen Untersuchungen des Landesamtes weisen darauf hin, dass die Schubkarren in den 1530er Jahren eingesetzt waren. Eine der beiden Schubkarren datiert ins Jahr 1537, also genau in das Jahr des Baubeginns der Festung Ingolstadt. Die Schubkarren sind damit die ältesten erhaltenen Exemplare in Mitteleuropa.

Da Ingolstadt als stärkste Festung Bayerns über Jahrhunderte eine Schlüsselrolle in der Militärgeschichte des Landes gespielt hat, wird das heute vorgestellte Objekt nach seiner Restaurierung im Konservierungslabor Potthast/Riens, Konstanz ab 2019 als Leihgabe des Stadtmuseums Ingolstadt in der neu konzipierten Schausammlung des Bayerischen Armeemuseums zu sehen sein. Es wird die Jahrhunderte währenden Schanzarbeiten in Ingolstadt veranschaulichen, die schließlich den Bürgern der Stadt den Namen „Schanzer“ gaben.

Funde aus Festungsanlagen sind normalerweise rar, denn das Militär hielt Ordnung. Erst nach Aufgabe der Verteidigungswerke kamen unbrauchbar oder nicht mehr benötigte Gegenstände in den Boden, meist Siedlungsabfall aus Keramik, Glas und Speiseresten. Er diente der Verfüllung und Einebnung der Gräben, wie beispielsweise in München oder Wien. Die Ausgrabungen auf dem Ingolstädter Gießereigelände, die bayernweit umfangreichsten archäologischen Untersuchungen in Festungsanlagen, haben ein wesentlich breiteres und besonders interessantes Fundspektrum geliefert.

Neben Munition und Uniformteilen umfasst das Fundgut des Gießereigeländes vor allem Alltagsgegenstände, die bei Zivilisten und bei Militärangehörigen in Gebrauch waren. Viele von diesen Funden dürften jedoch letzteren zuzuordnen sein. Denn die Wehrbauten auf dem Ingolstädter Gießereigelände blieben auch nach dem Verlust ihrer Verteidigungsfunktion fast ununterbrochen in der Hand des Militärs. Die Funde reichen vom Beginn des Festungsbaus im 16. Jahrhundert bis in die Zeit der militärischen Rüstungsbetriebe mit dem Höhepunkt der Produktion im Ersten Weltkrieg.

Die jetzt präsentierte Schubkarre gehört zu den ältesten Funden, die in militärischem Zusammenhang, nämlich mit dem Beginn des Festungsbaus ab 1537 zu sehen sind. Offizielle Grundsteinlegung war am 1. März 1539 durch Erbprinz Albrecht, der damals an der Universität Ingolstadt studierte. Die Festungsbaumaßnahmen auf dem heutigen Gießereigelände zur Errichtung der später so genannten Eselbastei waren besonders aufwändig. Davon zeugten noch während den Ausgrabungen beeindruckende Holzbauwerke zur Eindämmung des Grundwassers und der unmittelbar benachbarten Donau. Im Zuge dieser Bauarbeiten verblieben zahlreiche hölzerne Bestandteile der Baustelleneinrichtung im feuchten Boden.

Die zeitliche Einordnung von Brettern und Böcken für Arbeitsplattformen sowie weiterer Schubkarrenteile verweist die nun restaurierte Schubkarre in die 1530er Jahre. Der jüngste erhalten Jahrring ihrer Buchenholzbretter entstand zwar schon im Jahr 1531. Eine erhaltene Waldkante bei der zweiten, noch beim Restaurator befindlichen Schubkarre datiert jedoch exakt in das Jahr 1537. Auch sie besteht aus Buchenholz. Die Nutzung der Schubkarren durch den Festungsbau legen auch mineralische Anhaftungen, vermutlich von Mörtel oder Kalk, nahe. Hartes Material wie Steine oder Ziegel wurde mit ihnen nicht transportiert, da entsprechende Gebrauchsspuren fehlen.

Schubkarren sind nördlich der Alpen erst seit gut achthundert Jahren bekannt. Sie sind zunächst nur in Schrift- oder Bildquellen, vor allem aus Nordwesteuropa überliefert. Die Funde aus Ingolstadt sind nun die ersten weitgehend vollständig erhaltenen Exemplare in Mitteleuropa und ein außergewöhnliches Zeugnis des frühen Festungsbaus.


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