Deutschlands Wirtschaft im Sommer überraschend um 0,4 Prozent gewachsen

Private Ausgaben für Reisen und fürs Ausgehen ausschlaggebend

Deutschland Wirtschaft hat sich im dritten Quartal überraschend robust erwiesen: Das Bruttoinlandsprodukt legte von Juli bis September um 0,4 Prozent zum Vorquartal zu.

Deutschlands Wirtschaft ist im Sommer trotz hoher Energiepreise und Lieferkettenproblemen gewachsen - und zwar noch etwas mehr als zunächst geschätzt. Das Bruttoinlandsprodukt (BIP) legte von Juli bis September um 0,4 Prozent zum Vorquartal zu, wie das Statistische Bundesamt am Freitag mitteilte. In seiner Schätzung Ende Oktober war es von 0,3 Prozent ausgegangen. Die Wirtschaftsleistung wurde vor allem von den privaten Konsumausgaben getragen.

Die Verbraucherinnen und Verbraucher nutzten trotz weiterhin starker Preissteigerungen und der sich ausweitenden Energiekrise auch im dritten Quartal die Aufhebung fast aller Corona-Beschränkungen, um zum Beispiel mehr zu reisen und auszugehen, erläuterten die Statistiker. Die privaten Konsumausgaben waren so insgesamt ein Prozent höher als im zweiten Quartal. Die Konsumausgaben des Staates dagegen blieben auf dem Niveau des Vorquartals.

Der Handel mit dem Ausland nahm trotz der angespannten internationalen Situation zu, wie die Statistiker weiter ausführten. Dank eines weiterhin hohen Auftragsbestands und wieder besser funktionierender weltweiter Lieferketten wurden im dritten Quartal demnach preis-, saison- und kalenderbereinigt zwei Prozent mehr Waren und Dienstleistungen exportiert als im Vorquartal. Die Importe legten mit 2,4 Prozent noch stärker zu.

"Überraschend positiv" nannten die Statistiker auch die Entwicklung im Verarbeitenden Gewerbe: Vor allem wegen Produktionssteigerungen in der Automobilbranche und im Maschinenbau wuchs die Wirtschaftsleistung von Juli bis September um 0,9 Prozent zum Vorquartal. "Besonders dynamisch" wuchs die Wertschöpfung demnach in den Bereichen Handel, Verkehr und Gastgewerbe sowie öffentliche Dienstleister, Erziehung und Gesundheit.

Das Wachstum in Deutschland sei "überraschend krisenresistent", erklärte der Bundesverband Großhandel, Außenhandel, Dienstleistungen (BGA). "Das sind gute Nachrichten." Die finanziellen Abwehrschirme zeigten Wirkung und federten die Belastungen für Verbraucher und Wirtschaft ab, so BGA-Präsident Dirk Jandura.

Auch in den ersten beiden Quartalen war Deutschlands Wirtschaft trotz Corona-Pandemie, Lieferengpässen, weiter steigenden Preisen und des Kriegs in der Ukraine gewachsen. Von Januar bis März waren es 0,8 Prozent und im zweiten Quartal von März bis Juni noch 0,1 Prozent zum Vorquartal.

Im Vorjahresvergleich wuchs das BIP im dritten Quartal den Angaben zufolge preis- und kalenderbereinigt um 1,3 Prozent. Im Vergleich zum vierten Quartal 2019, dem Quartal vor Beginn der Corona-Krise, war das BIP damit 0,3 Prozent höher. Es lag damit erstmals wieder über Vorkrisenniveau, wie die Statistiker hervorhoben.

Die Zahl der Erwerbstätigen erreichte laut Statistik im Sommerquartal einen neuen Höchststand: 45,6 Millionen Menschen mit Arbeitsort in Deutschland erbrachten die Wirtschaftsleistung. Das waren 1,1 Prozent mehr als im vergangenen Jahr. Die Kurzarbeit ging zurück, die Gesamtzahl der Arbeitsstunden nahm entsprechend zu.

Im EU-Durchschnitt schneidet Deutschland gut ab: In der EU und im Euroraum wuchs die Wirtschaft im dritten Quartal nur um 0,2 Prozent zum Vorquartal, wie die Statistiker weiter erklärten. In den USA habe das BIP "in ähnlichem Ausmaß" um 0,6 Prozent zugelegt.

Sorgen bereitet allerdings die schwache Wachstumsprognose für das kommende Jahr, wie BGA-Präsident Jandura erklärte. "Die Krise frisst Liquidität, gerade bei den kleinen und mittleren Unternehmen." Deshalb sei die schnelle und pragmatische Umsetzung der Gas- und Strompreisbremsen extrem wichtig. "Und wir müssen den Standort Deutschland wieder strukturell stärken, um mehr Dynamik zu schaffen." Nötig seien schnellere Planungsverfahren für die Infrastruktur, echter Fortschritt bei der Digitalisierung und eine Reform der Unternehmenssteuern.

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