09.12.2018 || Startseite -> Nachrichten aus duesseldorf -> lokales -> Berlin bekommt "essbare Pflanzen"

Berlin bekommt "essbare Pflanzen"

In Kreuzberg-Friedrichhain werden Obstbäume gepflanzt

Der Bezirk Kreuzberg-Friedrichshain hat vor Kurzem ein Programm angestoßen, dass zum Anbau "essbarer Pflanzen" in allen öffentlichen Grünanlagen, an Schulen und Sportplätzen verpflichtet.

Berlin - Holunder vom Hermannplatz in Berlin-Neukölln und Quitten aus der Kollwitzstraße im Berliner Prenzlauer Berg: Was klingt wie Romantitel aus der Unterhaltungsliteratur, wird in Berlin Wirklichkeit. Der Bezirk Kreuzberg-Friedrichshain hat vor Kurzem ein Programm angestoßen, dass zum Anbau "essbarer Pflanzen" in allen öffentlichen Grünanlagen, an Schulen und Sportplätzen verpflichtet. In Pankow wird ein ähnliches Projekt vorbereitet.

Wo immer in Zukunft etwas neu gepflanzt wird, soll essbaren Pflanzen "der Vorzug gegeben" werden, heißt es in einer Erklärung des Bezirksamts Kreuzberg-Friedrichshain. Konkret bedeutet das etwa: "Im Görlitzer Park in Kreuzberg werden Quitten- oder Nussbäume gepflanzt, wenn irgendwo Sträucher entnommen werden", sagt Hilmar Schädel, Leiter des Grünflächenamts. Früher seien stattdessen zum Beispiel Lindenbäume gesetzt worden.

Auch auf Schulhöfen falle die Wahl in Zukunft auf Apfelbaum oder Johannisbeerstrauch statt auf grünes Gehölz. "Von diesen Bäumen dürfen Menschen essen, sie dürfen sie auch pflegen", sagt Schädel.

Mit dem Projekt knüpft der Bezirk an eine preußische Tradition an. "Bereits seit dem 18. Jahrhundert werden in Berlin und Brandenburg Obstbäume im öffentlichen Raum angepflanzt", berichtet Kai Gildhorn, Gründer der Initiative "Mundraub". Diese propagiert seit 2009 das Ernten von öffentlichem wachsendem Obst und Gemüse. Das Obst in den brandenburgischen Alleen sei für die Bevölkerung vorgesehen gewesen, die es sich sonst nicht leisten konnte.

Das Ziel des Bezirksamts Friedrichshain-Kreuzberg ist jedoch nicht in erster Linie, die Anwohner zu ernähren. "Wir möchten die Vielfalt der Pflanzen befördern", erklärte Umweltstadtrat Hans Panhoff (Grüne). Es werde für viele Stadtkinder eine positive Erfahrung sein, "dass Obst und Gemüse nicht nur im Laden liegen, sondern dass man es selbst anbauen und ernten kann."

Ein Expertenteam fand im Vorfeld heraus, dass einige Pflanzen besonders gut geeignet sind. Dazu zählen Nussbäume und Haselnusssträucher, die sogar "auf Baumscheiben am Straßenrand überleben" können, wie es in der Erklärung heißt. Beim Obst seien Apfel-, Quitten- und Birnbäume sowie die aus der Balkanregion stammende Kirschpflaume zu empfehlen." Schlehe, Holunder oder Johannisbeere sind laut den Experten die bevorzugten Stauden und Sträucher. Erste Erfolge gebe es bereits vorzuweisen: An der Oberbaumbrücke, die Kreuzberg und Friedrichshain verbindet, wurden Sanddornhecken gepflanzt.

Etwaige Bedenken zur Schwermetallbelastung von Obst, das städtische Stauluft atmet, zerstreut Stadtökologin Laura von Hoffen, die für ihre Masterarbeit an der Technischen Universität Berlin im vergangen Jahr frei wachsendes Berliner Obst auf Blei- und Kadmiumgehalt untersucht hat. Ihr Resümee: "Das Obst ist unbedenklich."

Lediglich eine von 172 Proben habe Spuren von Blei enthalten, Nüsse seien gar nicht belastet gewesen. "Obst aus dem Supermarkt hat teilweise sechsmal höhere Werte gezeigt", berichtet von Hoffen. Um Abgase vom Obst fernzuhalten, empfiehlt sie eine Schutzhecke. Für Gegenden in der aktuellen oder ehemaligen Einflugschneise eines Flughafens seien zudem Hochbeete sinnvoll, denn die Böden könnten mit Kerosin belastet sein.

Widerstand gegen das Pflanzprojekt gibt es dennoch: Der Stadtrat für Stadtentwicklung im Bezirk Pankow, Jens-Holger Kirchner (Grüne), hat schon viele Einwände gegen öffentliches Obst aus der Bevölkerung gehört. "Autofahrer beschweren sich über Kirschbäume an der Straße", berichtet er, denn die Kirschen verschmierten Autodächer und Straßen. Von fallenden Äpfeln drohten Dellen in der Karosserie.

Spaziergänger hätten sich außerdem über Obstbäume in Parks beklagt, denn diese zögen Wespen an. "Und die stechen eventuell Kinder." Dennoch will Kirchner dem Bezirksparlament nach der Sommerpause vorschlagen, wo und wie Pankow zum Garten werden kann.

Kirchner hat noch eine weitere - nicht ganz ernst gemeinte - Idee: "Lebkuchen für die Hausfassaden" wären doch schön, dann mache es auch noch "knusper, knusper, knäuschen" im "essbaren Bezirk".

(xity, AFP)


Copyright 2018 © Xity Online GmbH