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Archivalie des Monats Dezember 2018

Einsatz von Kriegsgefangenen in Ehmen - Kriegsende

Im Laufe des Ersten Weltkrieges gerieten annähernd acht Millionen Soldaten „in die Hand des Feindes“, davon fast 2,5 Millionen in deutsche Kriegsgefangenschaft.

Wolfsburg - Die gefangen genommenen Soldaten – überwiegend aus Russland, Frankreich und Belgien stammend – wurden gerade in den ersten Kriegsmonaten nach ihrer Gefangennahme meist in noch überwiegend improvisierte Kriegsgefangenenlager untergebracht. Die Militärbehörden zeigten sich zunächst überfordert. Die Kriegsgefangenen selbst sollten während der folgenden Kriegsjahre zu einem echten Wirtschaftsfaktor werden. Denn mit zunehmender Mobilisierung der männlichen Arbeitskräfte musste die von ihnen in der Kriegswirtschaft hinterlassene Lücke gefüllt werden. Arbeitskraft wurde mehr und mehr zu einem wertvollen Gut. Und so verließen ab Frühsommer 1915 Kriegsgefangene in großer Zahl die Gefangenenlager im Deutschen Reich zum Außeneinsatz in Landwirtschafts- und Industriebetrieben. Wie ein Aktenfund zeigt, ist dies während der letzten Kriegsmonate auch für Ehmen nachzuweisen.

Zur Sicherung der „Ernährung von Volk und Heer“ sollten nun auch hier Kriegsgefangene als Erntehelfer eingesetzt werden – vornehmlich zur Heuernte. Daher schrieb der örtliche Gemeindevorsteher Anfang Juni 1918 an den zuständigen königlichen Ökonomierat der Kriegswirtschaftsstelle des Kreises Gifhorn mit der Bitte um „je eine[n] Gefangenen für die nachstehenden landwirtschaftlichen Betriebe“. Die begleitenden Begründungen der fünf Bittsteller gleichen einander und beschreiben ein auf dem Land seinerzeit häufiges Phänomen: Entweder stand der Ehemann bereits „im Heere“ oder das Datum der Einberufung des Sohnes rückte näher, sodass der ländliche Betrieb allein nicht weiter geführt werden könne. Doch konnte dem Wunsch der Landwirte und Bäuerinnen nicht umgehend entsprochen werden. Denn offenbar herrschte ein „Mangel an verfügbaren Kriegsgefangen“, wie der Gifhorner Landrat in seinem Antwortschreiben, der Archivalie des Monats Dezember, zu verstehen gab. Allerdings könne er ersatzweise „Zivilgefangene“ entsenden, die, „sobald wieder Kriegsgefangene zur Verfügung stehen“, ausgetauscht werden könnten. Die Nachfrage überstieg das Angebot, der Kriegsgefangene wurde zur Ware.

Wie aus den überlieferten Dokumenten hervorgeht, konnte der zwischenzeitliche Engpass schon bald behoben werden: Eine Abschrift des Vertrags zwischen der Gemeinde Ehmen und der Kommandantur des Zweiglagers Heestenmoor nahe des Ortes Wesendorf dokumentiert, dass Ende September ein 34 Gefangene umfassendes Kommando samt Wachmannschaft zur Arbeit in den Ort abgestellt werden sollte. Letztlich erreichten 26 Häftlinge russischer und ukrainischer Herkunft sowie vier Internierte „anderer Nation“ im Herbst 1918 das damals circa 1.100 bis 1.200 Einwohner zählende Dorf Ehmen. Eingesetzt wurden sie teils innerhalb der landwirtschaftlichen Betriebe, teils in der örtlichen Zuckerfabrik. Ob das Kali-Salzbergwerk ebenfalls als Ort zum Arbeitseinsatz diente, geht aus den Akten nicht hervor. Dass bereits in den früheren Kriegsjahren Gefangene zur Arbeit eingesetzt wurden, ist in einer kurzen Nachricht des Landrats an den Gemeindevorsteher Ehmens überliefert; darin heißt es, im vergangenen Herbst – demnach 1917 – hätte ein Arbeiter an die Zuckerfabrik abgegeben werden müssen.

Das Kriegsende im darauffolgenden November änderte zunächst nichts an der Situation der hiesigen Kriegsgefangenen. Erst im Dezember und Januar wurde das Kommando in das „Zweiglager Heestenmoor“ abtransportiert. Doch die nur langsam und jahrgangsweise erfolgende Demobilisierung der deutschen Truppen machte die Landwirte weiterhin abhängig vom bisherigen Einsatz der Kriegsgefangenen. Besonders die russischen Häftlinge traf dieser Umstand heftig. Hatten diese nach dem Friedensschluss von Brest-Litowsk im März 1918 gehofft, dem geltenden Völkerrecht entsprechend umgehend in ihre Heimat repatriiert zu werden, so zerschlugen sich jene Hoffnungen bald. Denn die Arbeitskraft der russischen Zwangsarbeiter war im Deutschen Reich noch unverzichtbar. Auch in Ehmen ersuchten Landwirte noch im Frühjahr 1919 bei der Kommandantur des in der Lüneburger Heide gelegenen „Munsterlagers“ um Überweisung, namentlich genannter, russischer Kriegsgefangener – und dies mit Erfolg. Erst ab April 1920 sollten als direkte Folge der diplomatischen Annäherung zwischen Deutschland und der Russischen Sowjetrepublik die verbliebenen etwa 200.000 russischen Gefangenen zurückgeführt werden. Ob in Ehmen ebenfalls noch Häftlinge bis zuletzt im Einsatz waren, kann anhand des hiesigen Überlieferungsbestandes nicht geklärt werden; der Schriftverkehr endet mit der letztgenannten Quelle.


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