Sigmar Seif überlebte den Völkermord

Gedenken an Auschwitz-Befreiung vor 77 Jahren

Neue WDR-App erinnert an ermordete Jüdinnen und Juden aus Bocholt.

by xity nrw 2022-01-25T16:10:08+0100

Stolpersteine App WDR Screenshot. (Foto: Stadt Bocholt)

 Bocholt - Vor mittlerweile 77 Jahren, am 27. Januar 1945, wurden die wenigen Überlebenden des Konzentrationslagers Auschwitz von russischen Truppen befreit. Der Bocholter Sigmar Seif überlebte aufgrund dessen, dass sein Name auf einer Transportliste stand, die durch den Film "Schindlers-Liste" internationale Bekannheit erlangte. Seit kurzem ist das Gedenken an ermordete Jüdinnen und Juden durch eine neue Stolperstein-App des WDR möglich.

Pünktlich zum 77. Jahrestag der Befreiung des Konzentrationslagers Auschwitz durch die russischen Truppen hat der WDR unter dem Titel „Stolpersteine NRW – Gegen das Vergessen“ eine neue App zu den in NRW verlegten rund 15.000 Stolpersteinen veröffentlicht. Auch die in Bocholt verlegten Stolpersteine sind aufgeführt und zum Teil mit Audios und zusätzlichen Texten hinterlegt. Die App ist ab sofort auf dem Smartphone (Appstores "Stolpersteine NRW") und auch am PC oder Laptop (stolpersteine.wdr.de) nutzbar und bietet eine neue und digitale Möglichkeit des Gedenkens.

Auschwitz ist heute das Synonym für den Massenmord der Nazis an etwa 1,3 Millionen Juden. Das Lager ist der Ausdruck des mörderischen Rassenwahns, das Kainsmal der deutschen Geschichte.

38 Männer, Frauen und Kinder aus Bocholt

Am Abend des 27. Januar 1945 – heute vor 77 Jahren – wurde der gewaltige Komplex der Mordfabriken Auschwitz I und II von russischen Truppen befreit. Auf die Soldaten wartete ein Grauen wahrhaft apokalyptischen Ausmaßes in den Lagern: Überall wehte der Todesgeruch der Ermordeten. Zu ihnen gehören auch 38 Kinder, Frauen und Männer, die in Bocholt geboren wurden oder einmal hier gewohnt hatten.

Allein Sigmar Seif überlebte. Die achtköpfige Familie Seif hatte ihre Heimat Schrimm (Regierungsbezirk Posen) verlassen, die an Polen fiel. 1920 waren die Seifs nach Bocholt gekommen. Hier wurde Vater Salomon Kultusbeamter der israelitischen Gemeinde. Der damals siebenjährige Sohn Sigmar besuchte die israelitische Schule am Nordwall 26. Später war er Buchhalter in der Firma Ostberg am Ostwall.

"... Wille zum Leben war stärker..."

Nach der Pogromnacht 1938 floh Sigmar Seif am 29. November nach Dinxperlo (Niederlande), am 8. Oktober 1939 zählte er zu den ersten Insassen des späteren Judendurchgangslagers Westerbork in Nordholland. Mit einer der letzten Deportationen kam er am 6. September 1944 von dort in das Ghetto Theresienstadt. Hier heiratete er Rosetta Levie, ein Lichtblick in einer ausweglosen Situation. Am 28. September 1944 wurde Sigmar Seif weiter in das KZ-Außenlager Golleschau bei Auschwitz geschafft. An dieses Lager erinnerte sich Sigmar Seif 1946 in einem Brief an seine früheren Nachbarn, die Familie Roloff aus Bocholt: „Ich …  habe Hunger gelitten, Schläge bekommen, sehr schwer in Polen in einem Steinbruch [arbeiten] müssen, sollte bereits beerdigt werden, aber der Wille zum Leben war stärker in mir. ...“  

Seif stand auf Schindlers Liste

Zusammen mit 81 jüdischen Männern stellten ihn Oskar und Emilie Schindler auf ihre durch den Film „Schindlers Liste“ bekannt gewordene Transportliste und ließen die Männer aus Golleschau in ein Ghetto nahe ihrer Firma in Brünnlitz (heute Tschechien) bringen. Hier ernährte er seine „Schindler-Juden“ auf eigene Kosten gut und unterband Übergriffe der Bewacher.

Am 10. Mai 1945 wurde Sigmar Seif durch die Rote Armee befreit. Danach begann er mit seiner aus Theresienstadt befreiten Frau Rosetta in Overschie bei Rotterdam ein neues Leben. 1953 wanderten sie mit ihren inzwischen geborenen Töchtern Regina und Betty in die USA aus. Sigmar Seif starb fast 97jährig im Jahre 2009 in Paterson/New Jersey.

Sigmar Seif war einschließlich der Eltern Regina und Salomon der Einzige aus der achtköpfigen Familie, der nicht im NS-Judenmord ermordet wurde.

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