Stuttgart (dapd-bwb). Alfred Theodor Ritters Welt sind Quadrate. Die bunten Schokoladenpackungen von Ritter Sport mit Marzipan-, Nuss- oder Nougatfüllung kennt in Deutschland jeder. Aber auch die Krawatte des 58-jährigen Vorsitzenden der Geschäftsführung ist übersät mit den Vierecken, lilafarbene, blaue, rote. Hinter ihm in seinem Büro hängt ein riesiges Bild. Auch das quadratisch. Doch der Familienunternehmer denkt keinesfalls in festen Formen. "Bei einem größeren Unternehmen muss man auch immer wieder zurücktreten und gucken: Wie steht es in der Welt und wie sollte es sich in der Welt benehmen und wie ist es in der Welt lebensfähig", sagt er.
Der studierte Psychologe führt den Schokoladenhersteller aus dem schwäbischen Waldenbuch, der mit dem Slogan "Quadratisch. Praktisch. Gut." bekannt wurde, in dritter Generation. Dass er dem Unternehmen einmal vorsitzen würde, war keineswegs ausgemacht. Zwar gehört er dem Beirat des Unternehmens schon seit dem Tod des Vaters 1978 an. Nach einem abgebrochenen Studium der Volkswirtschaftslehre und einem Diplom in Psychologie machte er sich in den 1980ern aber zunächst mit einer eigenen Praxis in Heidelberg selbstständig.
"Stromlinienkarrieren" könnten nicht die Breite vermitteln, die es für eine Unternehmensführung braucht, findet er. Man müsse auch über Fragen der Bilanzen und Kostendeckungsbeitragsrechnung hinausdenken.
Die reinen Zahlen sind nicht das, was Ritter interessiert. Zumindest nicht nur. "Ich mache keine Quartalsbilanz und ich habe den Vorteil einer kleinen Unternehmerfamilie", sagt Ritter. Deren größte Stärke sei die Leidensfähigkeit. "Wenn es mal kein Ergebnis gibt, dann fällt man nicht gleich um." So wie 2011, als hohe Rohstoffkosten für Milch, Zucker oder Haselnüsse das Ergebnis knapp über Null drückten.
Für ihn geht es um Ausdauervermögen und Qualität. Ein Jahrhundert existiert der Betrieb, einst von den Großeltern in Bad Cannstatt gegründet, nun schon. "Ich habe das Gefühl: 100 Jahre sind bei weitem nicht genug", sagt der Firmenchef. Er kann frei vom Berichtszwang einer Aktiengesellschaft walten und macht seine Schokolade lieber teurer als schlechter. "Ritter Sport ist eine Qualitätsmarke, und dadurch haben wir auch eine gewisse Kostenstruktur gerade auf der Rohstoffseite", sagt er.
Für die Qualität zeichnet er seit Dezember 2005 verantwortlich, als er die Geschäftsführung übernahm. Die Stärken der Marke seien zuvor in Vergessenheit geraten: "Hohe Qualität, günstige Kostenstruktur und sehr klare Ausdrucksformen gegenüber den Verbrauchern", nennt Ritter. Der 58-jährige trat an, sie wieder ins Gedächtnis zu rufen. "Qualitativ sind wir meinem Ziel, nämlich Benchmark für die Welt für gute Schokolade zu sein, schon recht nahe gekommen", findet er heute.
Bei solchen Aussagen würde die Konkurrenz von Kraft Food (Milka), Lindt oder Sprüngli wahrscheinlich protestieren. Aber über Geschmack lässt sich bekanntlich nicht streiten und Alfred Ritter ist größter Fan seiner Marke. Zum Gespräch lässt er eine neue Packung Edel-Vollmilch in sein Büro bringen. "Die esse ich immer alle", verrät er.
Neben der Schokolade sind regenerative Energien ein Herzensthema des Unternehmers. Der ruhige, schwäbelnde Ritter wird ganz emotional, wenn es um die Energiewende geht. "Es ist halt chaotisch. Erst sagt man, das machen wir nicht und dann schaltet man die ganzen Kraftwerke auf einen Schlag ab."
Ritter engagiert sich schon lange für ökologisch korrekte Energiegewinnung, was ihm 1997 den Titel "Ökomanager des Jahres" vom Umweltverband WWF und der Zeitschrift "Capital" einbrachte. 1988 gründete er die Firma Paradigma in Karlsruhe, die heute Solaranlagen, Pellet- und Gasheizungen herstellt.
Auf dem Ritter-Sport-Firmengelände ließ er 2002 ein Blockheizkraftwerk errichten, das ein Drittel des Stroms und 80 Prozent der Heizkraft liefert. Auf Atomstrom verzichtet Ritter seitdem ganz. "Wir leben auf Kosten der Natur und wir leben auf Kosten der kommenden Generationen und auf eine Art auch auf Kosten unseres sozialen Friedens", kritisiert er. Es werde Zeit, weniger auf Kosten anderer zu leben.
Das meint er mit "Zurücktreten" und die Welt betrachten. Irgendwann sollen auch seine Kinder diese Werte in der Firma umsetzen. Die beiden Söhne und die Tochter sind zwischen 20 und 30 Jahre alt, genauer will er das Alter nicht nennen. Der Älteste arbeite schon Vollzeit im Betrieb. Eine Stromlinienkarriere hat auch er nicht. Er hat vorher als Informatiker Maschinen programmiert.
dapd